AFGHANISTAN
Kinder freuen sich über Lebensmittel und Decken,
die die Mitarbeiter von GAiN verteilen.
Die Drachen steigen wieder
Die Papierdrachen ziehen munter ihre Kreise am Himmel,
eine Gruppe Kinder und Erwachsener verfolgt gebannt ihr Spiel mit dem
Wind. Diese Szenerie erinnert an sonnige Oktobertage im Park.
Der Schauplatz ist jedoch Afghanistan im September
2002. Trotz Krieg, Hoffnungslosigkeit und Leid können die Menschen wieder
lachen. Für Klaus Dewald und seine sechs Kollegen, die zu einem einwöchigen Hilfseinsatz nach Afghanistan gereist
waren, ist es ein Wunder: "Unter der Taliban-Regierung durfte man keine
Musik hören. Man durfte auch nicht tanzen und keine Drachen steigen lassen.
Jetzt kommst du irgendwo hin und die Kinder und selbst erwachsene Männer
lassen überall Drachen steigen. In dem Moment spürst du: das ist die wiedergewonnene
Freiheit."
In Afghanistan wurden Städte von 50.000 Einwohnern
komplett ausgelöscht!
Das Land der Kriege
"Vor dem Flughafengebäude sehen wir die ersten zerstörten
Häuser. Manche von ihnen sind mit zerfetzten Tüchern verhangen. In ihnen
leben Flüchtlingsfamilien zwischen heruntergebrochenen Betondecken und
großen Löchern in den Wänden, die von Granateinschlägen herrühren." *
Flüchtlinge kehren mit ihren wenigen Besitztümern
zurück
Der erste Eindruck, den die sieben deutschen und kanadischen
Gain-Mitarbeiter von Afghanistan bekamen, war nicht gerade von einer ausgelassenen
Stimmung unter der Bevölkerung geprägt. Was sie sahen, waren Dörfer, die
dem Erdboden gleichgemacht waren; braunes Land, das keinen Ertrag mehr
abwirft; Minenfelder und ausgebrannte Panzer; Friedhöfe mit viel zu vielen
Kindergräbern. Jedes vierte Kind in Afghanistan stirbt vor seinem fünften
Lebensjahr. Wer von ihnen überlebt, ist fürs Leben gezeichnet. Kinder,
denen Gliedmaßen fehlen, sind keine Seltenheit in den Dörfern und auf
Kabuls Straßen.
Viele Babys leiden an Folgen der Unterernährung.
"Als wir am Sonntagnachmittag in der Kabuler Innenstadt
zu Fuß unterwegs sind, werden wir sogleich von Kindern umringt. Ein Junge
steht etwas schräg im Hintergrund. Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest,
dass er nur noch ein Bein hat. An einem Brunnen steht ein kleiner Junge
und pumpt Wasser für die anderen. Kräftig presst er das frische Nass aus
dem Rohr. An seiner linken Seite baumelt ein Hemdärmel ohne Inhalt."
Sie betteln, um sich und ihre Familien ernähren zu können.
Wasser und Lebensmittel sind knapp, nicht nur in der afghanischen Hauptstadt.
Die Menschen auf dem Land leben am Minimum, weil ihre Felder auf Grund
von Wasserknappheit brachliegen. Die Flüchtlinge unter ihnen hat es besonders
schwer getroffen. Aus Trümmern haben sie sich eine provisorische Bleibe
geschaffen. Viele Obdachlose schlafen in Zelten oder auf dem nackten Boden.
Ihre Situation spitzt sich zu, denn der Winter steht bevor. Der Bedarf
an Nahrung und Decken wächst. Mitarbeiter von GAiN hatten bereits im Frühjahr
2002 Hilfsgüter nach Afghanistan transportiert. Jetzt brachten sie nochmals
sieben Schiffscontainer mit Lebensmitteln, Babynahrung, Decken und Klinikinventar
in das Sammellager in Kabul und verteilten erste Rationen an Familien,
Waisen- und Krankenhäuser.
Verteilung der Hilfsgüter
"Nach einer sehr holprigen Fahrt auf einer schmalen
Straße erwarten uns auf dem Dorfplatz bereits eine Menge Leute. Jede Familie
schickt eine Person zu den Lkws, wo sie von uns Decken und Lebensmittel
ausgehändigt bekommen. Die Decken sollen im kommenden Winter Schutz gegen
die Kälte bieten. Viele Menschen schlafen einfach auf der Straße. Eine
Decke und ein kleines Bündel ist alles, was sie haben. Sie versuchen,
ihren Familien, die noch nicht aus den Flüchtlingslagern zurückgekehrt
sind, vor dem kommenden Winter noch ein Dach über dem Kopf zu schaffen."
Die Lagerung und Verteilung der Spenden erfolgte unter
Mitwirkung der amerikanischen Hilfsorganisation "International Foundation
of Hope" (IFH), die in Krisengebieten weltweit operiert. In Afghanistan
führt sie Entwicklungsprogramme in Betrieben, Schulen und Krankenhäusern
durch, um Familien in Not die Rückkehr in ein halbwegs normales Leben
zu erleichtern. Das geschieht auf vielfältige Weise, z.B. durch die Schaffung
von Ausbildungsplätzen oder die Renovierung und adäquate Ausstattung von
Schulen und Krankenhäusern.
"Am Nachmittag besuchen wir eine Schule in Kabul. Hier
werden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet, was für afghanische
Verhältnisse eine absolute Ausnahme ist. Der erste Unterrichtsraum hat
eine Fläche von etwa 15 Quadratmetern, in ihm werden 26 Kinder unterrichtet.
Tische gibt es keine, die Armlehnen sind das einzige, worauf sie sich
beim Schreiben stützen können."
Der Betrieb in den Krankenhäusern in und um Kabul findet
gar nicht oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen statt. Medizin,
funktionstüchtige Labor- und Operationsgeräte sowie gut geschultes Pflegepersonal
fehlen überall. Heizung, Strom und fließendes Wasser gibt es in den oftmals
überfüllten Behandlungsräumen und Krankenzimmern nicht. Es herrscht akute
Nahrungsmittelknappheit und somit auch ein Defizit an lebenswichtigen
Vitaminen und Mineralien. Das hat zur Folge, dass die Patienten, vor allem
die jungen, an Mangelerscheinungen oder Infektionskrankheiten leiden.
"In den Krankenhäusern mangelt es einfach an allem.
Die Operationssäle sind die meiste Zeit ohne Strom, die einfachsten Instrumente
fehlen; Lampen, Geräte zur Beatmung oder zum Absaugen gibt es nicht. Als
ich in den Patientenzimmern in die verzweifelten Augen der Mütter blicke,
die bei ihren Kleinen am Bett sitzen, schnürt es mir die Kehle zu. Ich
beginne sie, zu segnen. Ärzte schauen mich fragend, aber doch respektvoll
an, während sie die abgemagerten kleinen Geschöpfe abhören, die wimmernd,
in Lappen eingehüllt, daliegen."
Die Mitarbeiter von GAiN haben bei ihren Hilfslieferungen
in verschiedenen Krankenhäusern die akute Not der Patienten und des Personals
gesehen. Sie wollen auch künftig zur Verbesserung der medizinischen Versorgung
im Land beitragen und haben bereits ein konkretes Projekt ins Auge gefasst,
das sie unterstützen wollen: die Ausstattung des "Noor Eye Instituts"
in Kabul. Mit knapp fünfhundert Betten und einem hochqualifizierten Ärzteteam
war die Klinik die modernste und größte in Afghanistan gewesen, bevor
die Taliban sie schlossen und die gesamte Einrichtung entwendeten. Der
Initiator des Projektes ist Arzt, ein Christ aus den USA, der bis zu ihrer
Schließung viele Jahre an der Klinik praktiziert hatte. Durch unseren
Partner "IF of Hope" (IFH) in Kabul haben wir seit Anfang 2002 bereits
mehrere Hilfslieferungen aus Nordamerika und Deutschland zu den Flüchtlingen
im Land gebracht. Hochwertige Lebensmittel, Kleidung, Decken und Klinikinventar
wurden durch unsere Partner in Dörfern an die Heimkehrer,
sowie an verschiedene Kliniken auch außerhalb Kabuls verteilt.
* Klaus Dewald berichtet von seiner Reise im Jahr 2002
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