Reisebericht
Reise in ein geschlossenes Land
"Ich hatte mich vorbereitet. Ich
kannte die Berichte meiner Kollegen. Ich kannte die Nachrichten und
Internetmeldungen. Doch am Abend, bevor wir von Peking aus ins Land
reisen, kommt die Angst in mir hoch, die mich während der fünftägigen
Reise nicht mehr ganz verlässt. Ich beschließe, alle mitgebrachten
Ausdrucke und Kopien mit Informationen, die ich gesammelt hatte,
zurückzulassen. In ihnen ist die Rede von Hinrichtungen und
Arbeitslagern, von Folter und Todesstrafe aus religiösen oder
politischen Gründen.
Als unser Flugzeug in der Hauptstadt Pjöngjang landet, fallen mir die
hohen elektrischen Zäune rund um das Flughafengelände auf. Beim Anblick
der weißen Keramik-Isolatoren werden bedrückende Erinnerungen an
deutsche KZ-Gedenkstätten in mir wach. Natürlich prangt bunt und
überlebensgroß das Bild des ewigen Führers Kim Il Sung am
Flughafengebäude. Plötzlich sind wir umgeben von uniformierten Leuten
in Schwarz oder Grau. Sie durchsuchen uns gründlich und behalten unsere
Handys ein. Auf den Rat unseres Leiters haben wir vorher Akkus und
Simkarten entfernt, damit wir bei der Rückgabe keine bösen
Überraschungen erleben. Dieses Szenario erinnert mich stark an frühere
DDR-Reisen und die damit verbundene ständige Angst, etwas falsch zu
machen und den Uniformierten ausgeliefert zu sein. Dann empfangen uns
die beiden ganz persönlichen Begleiter, die uns an den folgenden fünf
Tagen nicht mehr aus den Augen lassen. Unser Programm ist festgelegt
und wird nach der Ankunft im Hotel noch einmal bestätigt. Ab jetzt gibt
es keine spontanen Änderungen mehr. Alle Ausländer wohnen im
Koryo-Hotel. In den fünf Tagen besuchen wir zwei Universitäten und drei
Kinderheime, treffen die deutsche Botschafterin, nehmen an einem
Treffen aller im Lande arbeitenden Organisationen teil. Dazwischen
müssen wir das obligatorische Pflichtprogramm für Ausländer
absolvieren. Das beinhaltet mehrere offizielle Essen, den Besuch des
Mausoleums des verstorbenen Führers, eine Vorstellung im Staatszirkus,
die Besichtigung des Juche-Turms und des Triumphbogens. Und immer
begleiten uns Mr. Ma und Mr. Kim.
Kinder dürfen nicht lachen
Wir besuchen ein Kinderheim im Hinterland von Pjöngjang. Der Leiter und
seine Sekretärin begrüßen uns ganz offiziell vor dem Schulgebäude. Zu
uns gestoßen ist jetzt ein Komitee von fünf Aufpassern, die an diesem
Tag auch alle unsere weiteren Heimbesuche überwachen. Wir betreten
einen karg ausgestatteten, kalten Raum und sitzen an einem großen
Tisch. An der Decke hängt nur eine Glühbirne, wie überall im Lande
dominieren die großen farbigen Fotos von Kim Il Sung und seinem Sohn
Kim Jong Il. Wir erfahren: In dieser Schule gibt es 535 Kinder im Alter
von 8 bis 16 Jahren. Davon sind 290 Mädchen und 245 Jungen. Der Leiter
der Schule teilt uns mit, dass nicht Nahrung, sondern vor allem
Unterwäsche, Schuhe und Matratzen gebraucht werden. Wir erkundigen uns
nach den Größen, die benötigt werden. Jetzt wird offenbar, dass sich
niemand darüber Gedanken gemacht hat. Wir fragen nach der Gesundheit.
Angeblich werden die Kinder regelmäßig gemessen und gewogen. Diese
Daten hätten aber nur die Ärzte. Wir bitten um diese schriftlichen
Berichte, und nun folgt eine lange interne Diskussion auf Koreanisch.
Die Antworten sagen dann alles und nichts, vieles bleibt unklar.
Endlich besuchen wir eine Klasse. Als wir den Raum betreten, stehen die
Kinder stramm wie Soldaten. Sie verbeugen sich und singen laut ein
koreanisches Lied, begleitet von der Lehrerin am Harmonium. Alle tragen
eine blau-rote Uniform. Sie sind elf Jahre alt, sagt man uns, aber sie
sehen aus wie sechs. Vor jedem Kind liegen ordentlich drapiert ein
Päckchen Wachsmalstifte und eine Malvorlage. Wir dürfen fotografieren.
Dann besichtigen wir das Lager im Hinterhof, in dem wir einige unserer
gelieferten Hilfsgüter vorfinden. Als wir unseren Bus zur Weiterfahrt
betreten, sehen wir die Kinder hinter den Fensterscheiben. Wir winken
zum Abschied, und die Kinder winken zurück. Dann beobachten wir, wie
die Lehrerin ausholt und schallende Ohrfeigen verteilt. Die Kinder
dürfen nicht lachen und nicht winken. Im Unterricht lernen sie, dass
wir als westliche Ausländer zu ihren Klassenfeinden gehören.
Wandgemälde in einem Waisenhaus
Bilder, die bleiben
Nach fünf Tagen Nordkorea will ich nicht länger bleiben. Zu bedrückend
ist die Atmosphäre, zu mühsam das Verhandeln, zu sinnlos das Fragen
nach Wahrheit. Am Ende unserer Reise haben wir viele Fotos auf der
Digitalkamera. Aber was ich in meinem Kopf mit nach Hause nehme, sind
Bilder, die wir nicht per Kamera festhalten durften. Die Bilder der
Kinder, die geschlagen wurden, weil sie winkten, und die Gesichter der
Menschen im Mausoleum des verstorbenen Führers Kim Il Sung. Als
Ausländer und damit VIPs mussten wir dort nicht warten, sondern wurden
an schier endlosen Menschenschlangen vorbeigeführt. Diese einfachen
Menschen standen ehrfurchtsvoll schweigend und mit ernstem Gesicht da,
bis sie die Stationen des Palastes passieren konnten. Sie trugen ihre
besten Kleider, oft hatten ganze Gruppen die gleichen Kleider oder
Schuhe an, die sie sich wahrscheinlich für diesen Tag leihen mussten.
Etwa die Hälfte der Menschen bestand aus Soldaten in Uniform. Sie alle
kamen, um ihren verstorbenen Führer wie einen Gott zu verehren. Sie
kennen keinen anderen, sie haben von keinem anderen gehört."
Faszit einer Reise, März 2005
Noch immer müssen die Nordkoreaner den Vater des jetzigen Diktators Kim
Jong Il, den früheren Machthaber Kim Il Sung (1912-1994), wie einen
Gott verehren. Zum Pflichtprogramm der Reisen von GAiN-Leiter Klaus Dewald, bei
der er ständig von Aufpassern begleitet wurde, gehörte eine
Besichtigung des Mausoleums von Kim Il Sung. Von den Besuchern wird
erwartet, daß sie sich vor dem Sarg des einstigen Herrschers
niederwerfen. Dieses Mal hätten die Begleiter keine Anstrengung
unternommen, um das GAiN-Team zum Niederknien zu bewegen. Bei
seiner letzten Reise, im Jahr 2003, hatten sie sich geweigert,
was aber zu keinen Konsequenzen geführt hatte. Auch der Besuch im
nordkoreanischen Staatszirkus und des Juche-Towers, einer Gedenkstätte
für den Sozialismus, gehörten erneut zum Pflichtprogramm.
Ein Gespräch unter vier Augen mit dem Bauern oder Arbeiter ist fast
unmöglich. Ein "Schatten" klebt immer an der eigenen Seite: der
Übersetzer, der Fahrer oder jemand vom Volkskomitee - das Regime ist
immer dabei. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt
200.000 Gefangene in gulag-artigen Lagern. Rund eine Million Soldaten
stehen für den "Geliebten Führers" bei Gewehr, bis zu 800.000
Reservisten und drei bis vier Millionen paramilitärischer Einheiten.
Mit dem Welternährungsprogramm der UN flossen seit 1995 Lebensmittel in
Höhe von rund 1,5 Milliarden Dollar nach Nordkorea. Die Menschen werden
vor dem Hungertod bewahrt, doch zugleich bleiben sie auf dem Niveau der
Unterernährung. „Wenn wir uns zurückziehen“, so Klaus Dewald, werden
die Überlebenschancen der Kinder sinken.“