Unsere Mitarbeiterin Andrea hat auf Lesbos und Samos mehrere Jahre gemeinsam mit unserem lokalen Partner Eurorelief mit Geflüchteten gearbeitet. Wir haben sie befragt, worauf es bei dieser Arbeit besonders ankommt, wo Schwachpunkte liegen, und weshalb wir diese Menschen nicht vergessen dürfen.
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In welchen Situationen und Momenten wurdest du besonders herausgefordert?
Ich fand tatsächlich die Arbeit unter der griechischen Bürokratie und unter dem griechischen Ministerium für Migration und Asyl am schwierigsten. Da fehlte manchmal der Wille, Dinge und Abläufe menschenfreundlicher zu gestalten. Es gab super Leute in der Verwaltung, die das Beste wollten, aber auch sie kamen nicht dagegen an, dass Vieles von Athen aus entschieden wurde. Diese Hilflosigkeit, angesichts der Behörden, fand ich oft sehr anstrengend.
Genauso herausfordernd war manchmal der Umgang mit anderen NGOs. Ich war echt überrascht über den Grundwasserspiegel von Ärger und Selbstgerechtigkeit, den ich da erlebt habe. Irgendwie dachte ich, dass wir doch alle das Gleiche wollen, aber es gab streckenweise Konkurrenz bis hin zum Gegeneinander. Das ist super ansteckend; ich musste selbst auch immer wieder dagegen ankämpfen, dass ich dem in meinem Herzen keinen Raum gebe. Letzten Endes möchte ich mich von Hoffnung motivieren lassen, nicht von Ärger - nicht auf "das System" und erst recht nicht auf die, die eine ähnliche Arbeit machen wie ich, nur halt anders.
Worauf kommt es in besonderer Weise an, wenn man mit Geflüchteten arbeitet? Wann ist besonders viel Feingefühl gefragt?
Feingefühl ist eigentlich immer nötig, wenn es darum geht, was die Leute zur Flucht bewogen hat, wen sie dabei alles verloren und was sie unterwegs erlebt haben. Ich habe dabei viel über Trauma gelernt und wie unterschiedlich sich das bei Menschen zeigt. Die allermeisten “unserer” Geflüchteten hatten dreifach das erlebt, was man “potentiell traumatisierende Ereignisse” nennt: Sie haben, erstens, ihre Heimat ja nicht ohne Grund verlassen; die Reise, zweitens, zieht sich manchmal über Jahre hin und bringt wirklich schlimme Erfahrungen, und dann stecken sie, drittens, monate-, manchmal jahrelang in so einem unschönen Camp fest… Zu sehen, dass manche Leute unglaublich resilient sind, sich zu helfen wissen und trotz all dem gut zurechtkommen, ist echt berührend. Dann gibt es auch einige, die professionelle Hilfe brauchen werden - aber noch nicht, solange sie in dieser Unsicherheit des Camp-Kontexts und noch gar nicht “angekommen” sind. Und dazwischen gibt es eben auch ganz viele, für die es schon sehr heilsam ist, vergleichsweise gesunde Menschen um sich zu haben, einen Rhythmus zu finden, etwas zu tun zu haben, in all dem Chaotischen immer wieder Schönheit und eine Form von Normalität zu erleben. Dazu hat unser Team mit unseren vielen leidenschaftlichen, freundlichen und kreativen, oft sehr jungen ehrenamtlichen Helfern ganz natürlich beigetragen, einfach durch ihr Dasein.
Was wissen wir in Deutschland üblicherweise nicht über solche Camps, was wir eigentlich wissen sollten?
Ich glaube, wir haben in Deutschland häufig die Vorstellung, dass man mit Geld so ziemlich alles lösen kann - und das ist eben nicht so. In Moria waren viele Probleme dadurch begründet, dass es keinen Platz gab. Und wenn man so einen hügeligen Olivenhain hat, der Privatbesitz ist, wo man nicht einfach Klos hinsetzen kann, dann schafft das Probleme, die sich mit Geld und auch Fachwissen nicht automatisch lösen lassen.
An Organisationen wie Eurorelief und Menschen wie dir, die dort arbeiten bzw. gearbeitet haben, gibt es auch immer wieder Kritik - von verschiedenen Seiten. Ein Vorwurf lautet, dass ihr durch eure Arbeit falsche Anreize setzt und dazu beitragt, dass immer mehr Menschen nach Europa kommen wollen, in dem Wissen, dass sie hier aufgefangen und versorgt werden. Wie siehst du das?
Ich glaube, dass auf jeden Menschen, der einfach nach Europa kommt, weil er sich hier ein schöneres Leben erhofft, viele viele kommen, die einfach nicht mehr da sein können, wo sie herkommen, die so wenig Perspektive sehen, die so um ihr Leben fürchten, dass selbst die Aussicht, auf dem Mittelmeer zu sterben, sie nicht abschreckt. Die Menschen kommen trotzdem. Wen es nicht abschreckt, auf dem Meer zu sterben, den schreckt es nicht ab, dass es auf der anderen Seite ein paar NGOs weniger gibt!
Ein weiterer Kritikpunkt, sozusagen von der anderen Seite, ist, dass eure Arbeit es den europäischen Regierungen ermöglicht, wegzuschauen und sich nicht ausreichend um die ankommenden Menschen zu kümmern. Dadurch, dass ihr vor Ort seid, stabilisiert ihr eine Situation, die es gar nicht geben dürfte. Ihr lindert zwar kurzfristig Leid, aber eigentlich bräuchte es ein umfassendes politisches Umdenken und strukturelle Reformen. Was ist dran an dieser Kritik?
Ich finde diese Frage sehr spannend und wichtig. Wir haben sie uns auch schon häufig gestellt, sowohl auf der grundsätzlichen Ebene als auch auf der ganz praktischen: Sollten wir diejenigen sein, die die Decken beschaffen und ausgeben, wenn das eigentlich Aufgabe der Regierung wäre? Wir haben uns schließlich immer wieder dafür entschieden, weil wir in diesem Moment den einzelnen Menschen gesehen haben. Ansonsten badet, platt gesagt, die junge Mutter mit dem Kind, die dann eben in der Kälte keine Decke bekommt, meine politische Klarheit und moralische Selbstgefälligkeit aus. Ich denke, man darf diese beiden Dinge nicht gegeneinander ausspielen. Wir sollten einander stehen lassen und segnen. Die, die versuchen auf der großen, politischen Ebene Dinge zu ändern und die, die beim einzelnen Menschen dafür sorgen, dass er nicht unter die Räder kommt.
Warum ist diese Arbeit trotz aller Herausforderungen und Kritik wichtig?
Die Arbeit lohnt sich, weil jeder Mensch unendlich wertvoll ist und weil schon ganz kleine Gesten der Freundlichkeit so unglaublich viel bewirken können. Das machen wir uns häufig gar nicht richtig bewusst. Menschen bekommen Hoffnung dadurch, dass wir ihnen nicht einfach nur ein Hygienepaket geben, sondern weil wir es mit einem Lächeln tun und sie mit ihrem Namen ansprechen.
In Situationen, in denen ich von den großen politischen Themen überfordert bin, hilft es mir, immer wieder den einzelnen Menschen in den Fokus zu nehmen und mich zu erinnern, dass auch kleine Taten eine Bedeutung haben und ich mich von den großen Fragen nicht kirre machen lassen muss.